Kleine theologische Enzyklopädie, die Bibel

marquardtDie Bibel (von griech. biblos = Buch) ist eine Sammlung verschiedenster Texte aus dem Zeitraum vom 13. vorchristl[ichen] bis zum 2. nachchristl[ichen] Jahrh. (in ihr verarbeitete einzelne Traditionen können auch in noch ältere Zeiten zurückreichen). Als vermutlich ältester Text gilt das Mirjam-Lied, 2. Mose 15,21: „Singt dem Herrn, denn hoch erhob er sich, Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt“ (Triumphlied nach der Befreiung der Kinder Israels aus der ägyptischen Sklaverei) ca. 1220 v. Chr. Einer der spätesten Texte ist vielleicht der 2. Petrusbrief aus der 1. Hälfte des 2. Jh. nach Chr.
Literarisch finden sich in der Bibel eine kaum übersehbare Vielzahl von Gattungen: z.B. Einzelsprüche, Spruchsammlungen, Einzelsagen, Sagensammlungen, Märchen, Lieder, Gebete, Bekenntnisformeln, Gesetzessammlungen, Geschichtsdokumente (im Sinne historischer Quellen), Geschichtserzählungen (im Sinne theologischer Zeugnisse), Redekompositionen, Evangelien (die eine eigene literarische Gattung darstellen, für die es sonst keine literarischen Vergleiche gibt), Briefe an einzelne und an Gemeinden, Chroniken, Genealogien, Predigten usw.
Fast ausnahmslos (eigentlich nur mit Ausnahme der neutestamentlichen Briefe) beruhen die biblischen Texte auf einer vorausgegangenen, oft jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung. Die schriftlichen Fassungen, die uns vorliegen, sind in der Regel späte Endprodukte lange vorhergehender Traditionen. D.h.: die biblischen Schriftsteller sind in der Regel nicht „Verfasser“ der unter ihrem Namen laufenden Texte, sondern Sammler und meist nur Endredaktoren von auch ihnen schon vorhergehenden Sammlungen; allerdings ist Redaktion auch immer Interpretation, so daß die uns vorliegenden Texte die Theologie der (meist unbekannten) Endredaktoren ist (z.B. „Matthäus“, „Markus“ usw.). – Der hier geschilderte Tatbestand macht heute die sog. redaktionsgeschichtliche Forschung zu einem der wichtigsten Forschungszweige in der historischen Bibelanalyse: vom uns vorliegenden Text wird der Weg der einzelnen Textteile zurückverfolgt, soweit es geht. Man erkennt dabei die früheren anderen Zusammenhänge der Einzeltexte, die ihnen vielfach einen anderen Sinn verliehen als den, den sie im heutigen biblischen Zusammenhang haben. Die Verfolgung von Sinnverschiebung und Bedeutungsänderung von Texten wirft die wichtige und schwere Frage auf, welche der möglichen Bedeutungen eines Textes die für uns theologisch relevante ist: die biblische?, die älteste?, die Bedeutung während irgend eines Zwischenstadiums der Überlieferung? Oder ist der Überlieferungsprozeß als solcher und ist die Tatsache permanenter Sinnverschiebungen einer Aussage das theologisch Relevante? Die mündliche Überlieferungsphase darf nicht als inhaltlich oder historisch weniger zuverlässig beurteilt werden. Es handelt sich dabei um die in der Antike vorherrschende Überlieferungsweise, die heute als z.T. unvergleichlich zuverlässig angesehen wird. Denn zum Zweck der mündlichen Überlieferung wurde ein festes, sehr genau funktionierendes Formel- und Sprachmaterial entwickelt, das die Tradenten sich darum leicht einprägen konnten und das für die Empfänger der Tradition eines der Kennzeichen für Glaubwürdigkeit einer Überlieferung war. – Die Erforschung der festgeprägten Formen der Überlieferung wird von der sog. formkritischen oder gattungsgeschichtlichen Arbeit betrieben. Sie bildet neben der überlieferungsgeschichtlichen Arbeit einen zweiten wichtigen Teil der historischen Bibelanalyse und muß von jedem exegetisch Arbeitenden gekannt werden (Hauptwerke der gattungsgeschichtlichen Forschung zum NT: R[udolf] Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, 1921, 41955; M[artin] Dibelius, Die Formgeschichte des Evangeliums, 1919, 31959; K[arl] L[udwig] Schmidt, Der Rahmen der Geschichte Jesu 1919).
Nach der mündlichen Redaktionsphase haben viele Textteile aber auch schon einen Zeitraum schriftlicher Überlieferung hinter sich, ehe sie in die uns vorliegenden Bücher hineingesammelt wurden. In dieser schriftlichen Vorform werden sie heute als „Quellen“ rekonstruiert, die in die vorliegende Bibelfassung ganz oder z.T. Eingang gefunden haben sollen. Für die 3 ersten Evangelien z.B. nimmt man heute drei und mehr „Quellen“ oder schriftlich vorhergehende Traditionsschichten an, ebenso z.B. für die fünf Bücher Mose am Anfang der Bibel. Keine dieser „Quellen“' sind bisher irgendwo gefunden worden, sie sind lediglich Annahmen und Konstruktionen, resp. Rekonstruktionen der Wissenschaft. Diese Arbeit wird in dem Teil der historischen Bibelanalyse getan, den man Quellen- oder Literarkritik nennt. Auch hiervon muß jeder wissen, der sich wissenschaftlich mit der Bibel beschäftigt, denn in diesen „Quellen“ sind z.T. sehr ausgeprägte eigenständige Theologien und historische Kontexte zu entdecken, die nicht mit denen der biblischen Endredaktoren identisch [sind], denn sie stammen aus ganz verschiedenen Zeiten und Glaubenssituationen der Geschichte Israels oder der christlichen Gemeinde, auch geographisch und gesellschaftlich aus sehr verschiedenen Bereichen. Auch hier erhebt sich die schwere Frage, an welcher der Theologien, die vor der Theologie der Endredaktoren liegen, wir uns heute zu orientieren haben.
Wir haben bis hierher von der Entwicklungsgeschichte einzelner biblischer Schriften (Evangelien, 5 Bücher Mose usw.) gesprochen. Die Bibel selbst ist aber ebenfalls Ergebnis eines geschichtlich Wachstumsprozesses.
In ihren zwei Hauptteilen – sog. „Altes“ Testament (besser: Hebräische Bibel) und sog. „Neues“ Testament – entstammt sie dem 2. Jh. nach Chr. und ist sie nur die Bibel der Christen, nicht auch der Juden. „Die Bibel“ der Juden und aller im NT zu Worte kommenden Christen ist allein die Hebräische Bibel, denn zur n[eu]t[estament]lichen Zeit gab es noch kein Neues Testament.
Das NT entsteht als Sammlung der in diesem Bibelteil vorliegenden Schriften zur gleichen Zeit und in dem gleichen Zusammenhang der Kanonisierung wie die Bibel als ganze. D.h. „die Bibel“ der Christen ist nicht etwa das Ergebnis einer Zusammenfügung zweier unabhängig voneinander schon existierender Literatureinheiten. Sonden mit der Entstehung eines „NT“ zugleich entsteht eine aus zwei Hauptteilen zusammengefügte Bibel der Christen. Diese Beobachtung ist historisch und theologisch enorm wichtig: Es hat bei den Christen nie ein Neues Testament apart, abseits oder neben dem Alten gegeben. Vielmehr ist die Entstehung des NT und die Kanonisierung des AT zeitlich und inhaltlich ein und derselbe Vorgang.
Die Bibel der Christen ist das Ergebnis des etwa in der Mitte des 2. Jh. sich vollziehenden Kanonisierungsprozesses (Kanon, griech. = Richtschnur, Richtlinie). Dieser Prozeß ist ein Auswahlprozeß: Aus der großen Vielzahl der in den christlichen Gottesdiensten des 2. Jh. gebrauchten und in Gemeindeversammlungen gelesenen und diskutierten Schriften werden bestimmte Schriften als maßgeblich und normativ für das Verständnis des Christlichen ausgewählt. Der Vorgang setzt voraus: a) eine innere Vielfältigkeit und Unbestimmtheit dessen, was eigentlich „christlich“ ist (in Lehre und Handeln); es hat zu keiner früheren Zeit je ein einheitliches Gottes-, Christus- und Kirchenverständnis gegeben, sondern nur viele einander fremde Christentümer; möglicherweise gab es schon in der ersten Generation der Auferstehungszeugen tiefe Verständnisdifferenzen zwischen solchen, die Erscheinungen des Auferstandenen in Jerusalem, und anderen, die sie in Galiläa erfahren haben (E. Lohmeyer). Jedenfalls schien es nach hundert Jahren Christusglauben unabweisbar, Maßstäbe zu entwickeln für das, was „christlich“ heißen soll. b) Kanonisierung war aber euch ein Gebot äußerer Bedingungen: Die Frage des christlich-jüdischen Verhältnisses war inhaltlich zu klären, denn noch gab es viele Judenchristen, die zugleich den Synagogengottesdienst und den christlichen Gemeindegottesdienst besuchten, die sich also als Juden verstanden, nur daß sie im Unterschied zu anderen den Messias für gekommen hielten. Hier hat vielleicht auch von jüdischer Seite eine Entweder-Oder-Frage eine Rolle mit gespielt, denn das Judentum sammelte sich zu eben dieser Zeit zum zweiten Male zu einem Befreiungskrieg gegen die römische Besatzung (sog. Bar-Kochba-Aufstand, 133-135 n. Chr.) und brauchte volle innere Sammlung für seinen Überlebenskampf; da die Christen schon im Ersten Freiheitskrieg 66-70 n. Chr. sich als Kriegsdienstverweigerer desolidarisiert hatten, mußte das Judentum jetzt auf eine Entscheidung dem Christentum gegenüber drängen. Dies geschah zur gleichen Zeit, wo man langsam auch damit begann, den Umfang der Schriften zu diskutieren, die zur jüdischen Bibel gehören sollten. (Synode in Javne, 95 n. Chr.). – Andererseits waren die christlichen Gemeinden innerlich sehr irritiert von der Wirkung der sog. Gnosis innerhalb der Gemeinden, einer religiös-philosophischen Strömung, die einen Mythos und ein Selbstverständnis besaß, die dem christlichen Glauben und der christlichen Lebensweise zum Verwechseln ähnlich sahen. Auch hier waren Maßstäbe zu entwickeln, um die christliche Identität zu formulieren in der gegebenen wirren Vielfrontensituation des 2. Jh. Die Entstehung der Bibel hat mit diesen Kämpfen um christliche Identität zu tun.
Wichtig ist, daß gleichzeitig mit der Bibelfixierung zwei andere Institutionen zur Bewachung und Entscheidung strittiger Identitätsfragen, geschaffen wurden: 1. das Glaubensbekenntnis als kurze Summe zum Auffinden des Rechtgläubigen innerhalb der ja in sich auch noch sehr vielfältigen Bibel; 2. der sog. monarchische Episkopat, d.h. die gemeindeunabhängige Bischofsfunktion mit dem Auftrag, im Streitfall das zutreffende Verständnis für den Bereich jeweils einer Gemeinde zu entscheiden. – Die Schaffung dieser beiden Seiteninstitutionen zur Bibelkanonisierung zeigt, daß man einer inhaltlichen Klarheit und Eindeutigkeit der Bibel von Anfang an nicht traute. Bereits mit ihrer Entstehung war die Bibel von einem kirchlichen Mißtrauen umgeben.
Diese geschichtliche Beobachtung stellt uns vor die Frage nach der Autorität der Bibel für Kirche und Theologie.
In der vorreformatorischen Kirche wird der Bibel hauptsächlich formale Autorität zugesprochen, während mit der Reformation nach einer hauptsächlich materialen, inhaltlichen Autorität gesucht wird.
Die die Entstehungsgeschichte der Bibel begleitenden Institutionen dienen dazu, ihre innere Autorität von außen zu sichern gegen Mißverständnis und Mißbrauch. Zunächst gilt die Bibel einfach als apostolisches Lehrbuch. Die Norm, unter der die Bibelschriften aus der ur- und frühchristlichen Literatur ausgewählt wurden, war vor allem die ihres apostolischen Ursprungs, d.h. die angenommene Verfasserschaft von Jüngern und Aposteln Jesu für die zum NT gesammelten Bibelteile. Nach unserer heutigen historischen Erkenntnis halten viele Schriften des NT dieser Norm nicht stand; das „Apostolische“ ist darum nicht als historische Kategorie (im Sinne der frühesten Schriften), sondern als eine Zeugnis- und Sachkategorie zu betrachten; es muß sich inhaltlich vor allem darin ausweisen, ob und daß in diesen Schriften Jesus Christus als der von den Toten auferstandene „Herr“ (kyrios) bezeugt wird; auch dies ist keineswegs in allen n[eu]t[estament]lichen Schriften gleich zentral und gleich deutlich der Fall (problematisch z.B. im Jakobusbrief, dem u.a. darum Luther die Zugehörigkeit zum biblischen Kanon bestritten hat).
Inhaltlich wird die Würde der Bibel hauptsächlich darin gesehen, daß sie ältester Teil der kirchlichen Tradition ist; d.h. aber: Es wird nicht unterschieden zwischen Bibel und kirchlicher Lehre, und so kann auch die Bibel der kirchlichen Lehre nicht als Norm gegenüberstehen; sie gehört zur kirchlichen Tradition und unterliegt wie diese der Auslegung des Lehramtes. Nur als vom Lehramt abhängige, normierte Norm hat sie ihrerseits Normencharakter, sie gilt als norma normata. Hier wird die Bibel weniger nach ihrem gegenständlichen, göttlichen Gehalt als nach ihrer Entstehung innerhalb der geschichtlichen Entwicklung der Kirche gewürdigt.
Die praktische Bedeutung der Bibel in der vorreformatorischen Phase beruht auf ihrem Gebrauch als Gesetzbuch, in dem vor allem die sittlichen Vorschriften des Beispiels Jesu der Gemeinde und den einzelnen Christen vorgelegt sind. Im Mittelalter werden ihr universale Programme der Weltgestaltung oder – bei den Protestbewegungen des M[ittel]a[lters] (z.B. Waldenser, Hussiten usw.) – Weltveränderung entnommen. Zugleich faßt man die Bibel als Geschichtsbuch auf, in dem der Lauf der Heilsgeschichte von der Weltschöpfung bis zum Weltende in ihren Stadien und Ökonomien vorgezeichnet ist (z.B. Joachim von Fiores Lehre vom „Dritten Reich“ des Geistes nach dem ersten Reich des Vaters und dem zweiten Reich des Sohnes, ca. 1130-1202).
Die Reformatoren verwandeln die formale, von außen gestützte Autorität der Bibel zu einer inneren materialen. Die Bibel hat nun Autorität nicht mehr durch kirchliches Lehramt und Tradition, sondern nur als Sachautorität, d.h. nur im Sinne einer Autorität, die sich selbst imponieren, eindrucksvoll machen muß aus der einleuchtenden Kraft ihres Inhalts. Dies bedeutet zunächst zweifellos eine Relativierung der Autorität der Bibel, denn sie gewinnt Autorität nun nur noch in actu, sofern aus ihr die Botschaft von Gott, seinem Handeln und seinem Willen gehört wird. Daß dies geschieht, ist nicht mehr von vornherein vorauszusetzen; es gibt keine Autorität mehr, die die Wahrheit des biblischen Wortlauts, der Texte und Buchstaben von außen garantieren würde. Nicht der Wortlaut als solcher, sondern das „Sprechen“ des mit dem Wortlaut gemeinten Sinnes ist das Autoritätsereignis. Nicht das „Buch“, sondern des aktuelle Verkündigtwerden des Buches schafft ihm Autorität; in theologischer Formelsprache ausgedrückt: Das Wort wird an die Ereignung des Geistes gebunden, aber Kriterium einer notwendigen Scheidung der Geister ist die Bindung des Geistes an das Wort (Zirkel von Buchstabe und Geist). Wird so die Autorität der Bibel relativiert, so wird sie gegenüber der vorreformatorischen Anschauung andererseits im gleichen Moment verstärkt. Weil ihre Autorität nicht mehr Buchstaben-, sondern Sachautorität ist, wird die Bibel jetzt aus einer norma normata zu einer norma normans, d.h: Das Ereignis des „Sprechens“ der Bibel von Gott ist jeder anderen Autorität in Kirche, Welt und Theologie bei weitem überlegen, überlegen auch aller anderen christlichen Tradition. Dies Ereignis, wann und wo immer es geschieht, ist nach evangelischem Verständnis die einzige und alleinige Autorität.
Dies Ereignis ist nirgends faßbar. Darum ist die Autorität der Bibel gerade nur eine faktische, keine irgendwie juristisch oder dogmatisch fixierbare Autorität. Die Anerkennung dieser Autorität besteht allein in Erwartung, daß solche Ereignisse, da sie schon einmal oder öfter und immer wieder geschehen sind, auch wieder geschehen können und, wenn Gott will, geschehen werden. Die praktische Autorität der Bibel besteht im Protestantismus in nichts anderem als in dieser Hoffnung und Erwartung. Praktiziert wird diese Hoffnung 1. in stetigem aktuellem Auslegen und Verkündigen der Bibel, nicht etwa in der Ableitung eines raum- und zeitlosen Gedanken- oder Lehrsystems aus ihr. Praktiziert wird diese Hoffnung aber 2. auch darin, daß solche Hoffnung auf Erklingen der lebendigen Stimme Gottes (viva vox evangelii) exklusiv auf die Bibel gerichtet wird, nicht auf andere Bücher, Texte, Buchstaben. Allerdings ist dies eine praktische Exklusivität, die man der Bibel einräumt, keine theoretische. Theoretisch ist nicht ausgeschlossen, daß nicht die lebendige Stimme Gottes sich auch von anderswo her als aus der Verkündigung der Bibel vernehmen lassen könnte. Das Hören auf die Bibel ist praktisch nur die Konsequenz aus der mit ihr bisher gemachten guten Erfahrung der Kirche und allerdings auch die Konsequenz daraus, daß wir aus der Bibel hören, daß wir in ihr nach Gottes belebendem Wort suchen sollen (z.B. Joh 5,39: „Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt“). Dort zu suchen, ist für die Kirche der Normalfall des Hörens auf Gott, der Ausnahmefälle nicht ausschließt; aber jedes Hören eines Wortes Gottes von anderswo her bleibt abhängig von seiner Wiedererkennbarkeit mit dem von der Bibel gehörten Wort Gottes, denn ohne das können wir nicht gewiß sein, daß anderswo Gehörtes wirklich das Wort des Gottes der Bibel ist oder nicht irgendeines anderen Gottes. Ohne daß also die Bibel die Möglichkeit von anderswo her hörbarer Worte Gottes ausschlösse, bleibt sie Vergewisserungsinstanz für die Wahrheit dieser anderen Möglichkeit.
Es dürfte sich von selbst verstehen, daß mit dem Wechsel im Verständnis der Autorität der Bibel sich auch die Instanz verändert, die im Streit- und Zweifelsfall entscheidet. Luther hat der real existierenden christlichen Gemeinde als solcher – und nicht einem von ihr abgehobenen Lehramt – das Recht zuerkannt, Lehre zu richten (vgl. seine Schrift von 1523: Daß eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen: Grund und Ursach aus der Schrift, WA 11, 408-416). Er wußte, daß er praktisch damit eine Gemeinde überfordert, dennoch hat er dies Prinzip als das biblisch allein mögliche, d.h. das allein seinem Verständnis von der Bibel und ihrer Autorität entsprechende, verfochten. Es leuchtet seither über dem Protestantismus als eine uns verpflichtende Utopie. .

Von der Einheit der Bibel in ihren zwei Testamenten

Wir hörten, daß die Entstehung des NT und die christliche (im Unterschied von der jüdischen) Kanonisierung des „Alten“ Testaments zeitlich und sachlich zu ein und demselben Vorgang gehören. Die Entscheidung der christlichen Kirche, auch die Hebräische Bibel zu einem Teil der christlichen Bibel zu erklären, war im 2. Jh. nicht unumstritten und konnte nur unter Verwerfung des gnostischen Christentums durchgesetzt werden. Die allererste Sammlung maßgeblicher Schriften zu einem Neuen Testament stammte ausgerechnet von einem Gnostiker namens Marcion (um die Mitte des 2. Jh.), der eine „Bibel“ ohne Altes Testament zusammenstellte, der aber auch neutestamentliche Schriften in einer von allen ihm „judaistisch“ klingenden Stellen gereinigten Fassung vorlegte. Marcion leugnete die Identität des Gottes der Hebräischen Bibel mit dem Gott des Evangeliums und bekämpfte im Sinne der Gnostiker alles „Materialistische“. Die Welt hat nicht der gütige Gott geschaffen, sondern ein Unhold. Der wirkliche Gott ist der neutestamentlich bezeugte Gott der Liebe, der die Menschen herausrettet aus der elenden Welt. – Mit der Verwerfung des Marcion und der Gnostiker und mit der Aufnahme der Hebräischen Bibel in den christlichen Kanon hat die Kirche Welt und Materie als Schöpfung Gottes bejaht und die Geschichte des jüdischen Volkes und ihrer Verheißungen als für sich und ihren Glauben konstitutiv akzeptiert.
Tatsächlich gibt es kaum eine neutestamentliche Schrift ohne Rückbezug auf die Hebräische Bibel, sei es in direktem Zitat, sei es in indirekter Anspielung, in hebräischer Füllung der Begriffe, in hebräischer Struktur des Denkens. An der Identität des „Vaters“ Jesu Christi mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs besteht im NT kein Zweifel. – Die Notwendigkeit der Hebräischen Bibel für das NT ist so selbstverständlich, daß wichtige Glaubenszusammenhänge des Christentums wie z.B. der Schöpfungsglaube im NT gar nicht begründet, sondern vom Zeugnis der Hebräischen Bibel her schlicht vorausgesetzt werden. Die Verkündigung Jesu von Nazareth unter dem Christus (= Messias)-Titel, als Davidsohn usw. stellt das Zentrum des neutestamentlichen Heilsgeschehens in direkten Zusammenhang mit der Hoffnung der Hebräischen Bibel. Auch die Grenzüberschreitung der christlichen Mission vom „Haus Israel“ auf „der Heiden Straßen“ (Mt 10,5-6) wird im NT als Konsequenz des Sinnes der Geschichte Israels mit alttestamentlichen Zitaten begründet (z.B. Röm 15,7-12), d.h. der sog. christliche „Universalismus“ ist in Wahrheit der des AT. Zu wenig bewußt ist immer noch die Tatsache, daß sämtliche Zeugen des NT Juden sind und so das NT als ein jüdisches Buch bezeichnet werden kann.
Im einzelnen wurde nun der innere Zusammenhang beider Testamente theologisch höchst verschieden formuliert. Es gibt grundsätzlich zwei Typen einer Verhältnisbestimmung: a) der Typ eines linear-geschichtlich gesehenen Zusammenhangs, b) der Typ eines dialektisch gefaßten Zusammenhangs; beide Typen erscheinen in vielfältigen Formen und meist auch in gewissen Mischungen beider.
Klassische Gestalt eines linear-geschichtlichen Verhältnismodells ist die sog. heilsgeschichtliche Theologie, die wir mit Schwerpunkten aus dem 2., dem 17. und dem 18. Jh. kennen. Beide Testamente bezeugen den kontinuierlichen Weg des Schöpfungs- und Gnadenhandelns Gottes bis zum letzten Gericht und der ewigen Seligkeit hin. Schöpfung, Sündenfall des Menschengeschlechts, Erwählung der Väter Israels, Geschichte der Kinder Israels und der jüdischen Reiche bis zu deren Untergang, Verheißung einer nationalen und zugleich kosmischen Rettung und Erneuerung, Sendung Jesu als Messias, der das neue Reich zu verkündigen und zu verwirklichen beginnt, Ausbreitung dieser Verkündigung und vorabbildliche Darstellung dieser Verwirklichung durch die Anhänger Jesu in Erwartung seiner endgültigen Ankunft, seines Gerichts und der endlichen Vollendung des Begonnenen. Die „heilsgeschichtliche“ Theologie versucht eine Kontinuität dieses Geschehens gegen alle Brüche, Diskontinuitäten und Erfahrungen zu denken. Subjekt dieser Geschichte ist Gott. Das Problem dieses Kontinuitätsmodells ist ein Zeitverständnis, das die Bibel nicht teilt und das auch heute weder physikalisch noch philosophisch mehr gedacht werden kann. Die Gesamtgeschichte als einheitliches Kontinuum übersehen kann nur, wer nicht in sie hineingehört; aber dies ist keinem Menschen beschieden.
Ein anderes Beispiel heilsgeschichtlichen Denkens ist die Zusammenbindung der Geschichte Jesu Christi und der Kirche mit der Geschichte Israels unter dem Gedanken von „Verheißung” und „Erfüllung“; wobei noch unterschieden werden kann, ob „Verheißung“ die Geschichte Israels als solche oder die göttliche Leitung der Geschichte Israels oder die die Geschichte Israels stets begleitenden Worte Gottes sein sollen, und ob mit „Erfüllung“ die Geschichte Jesu Christi als solche oder Gottes elbstidentifizierung mit dieser Geschichte als Gottes „Wort“ gemeint sein soll. Jedenfalls ist das Modell von „Verheißung“ und „Erfüllung“ ein Zusammengehörigkeitsmodell auch dann, wenn in Aufnahme von Elementen des dialektischen Verhältnistyps der Gedanke der neutestamentlichen „Erfüllung“ den Gedanken der „Aufhebung“ der Verheißung zuweilen einschließen kann. Die Frage, ob die alttestamentlichen „Verheißungen“ auch noch nach ihrer „Erfüllung“ in Jesus Christus als Verheißungen weiter wirken, ist eine der am meisten umstrittenen Fragen vor allem im heutigen Paulusverständnis. – Keinesfalls dürfen die biblischen „Verheißungen“ im Sinne mirakelhafter „Weissagungen“ und „Vorhersagen“ („Prophezeiungen“ im alltagssprachlichen Sinn dieses Wortes) verstanden werden. Jesus Christus ist im Alten Testament nicht geweissagt, sondern verheißen; er selbst kommt dort mit keinem Buchstaben vor und alttestamentliche Prophetie ist Gesetzesanwendung auf konkrete gesellschaftliche Situationen und allenfalls Ausruf von Utopien, doch nicht „Weissagung“.
Der dialektische Typ einer Verhältnisbestimmung ist der im Protestantismus herrschende. Das AT bezeugt das Gesetz „als Heilsweg“ und behält damit eine typische Bedeutung für alle Menschen. Denn die Tora vom Sinai ist Symbol für menschliche Existenz und menschliche Bemühung um Lebensgewinn durch jede Art von Gesetzestreue. In dieser Symbolfunktion ist das AT bleibend unentbehrlich, weil Selbstverwirklichung durch Gesetzesverwirklichung als Seinsweise der ohne Gnade lebenden Menschen schlechthin gilt. Das NT bezeugt nicht das Gesetz, sondern die Gnade Gottes „als Heilsweg“ und zwar im Sinne einer permanenten Befreiung von dem uns natürlichen Gesetzesweg. „Gnade“ ist immer nur akute Befreiung von gesetzlicher Selbstverwirklichung. „Gnade“ und „Gesetz“ bilden also ein dialektisches Verhältnis, und eben dies repräsentiert sich in der bleibenden und innerlich notwendigen Zusammengehörigkeit der beiden Bibelteile. Dies ist vor allem das Modell der reformatorischen Theologie, das zugleich für das der paulinischen Theologie gehalten wird (woraus eine Maßgeblichkeit des Paulus für das gesamte Bibelverständnis im klassischen Protestantismus abgeleitet wird). Seit dem Ende des 18. Jh. hat sich ein dritter Typ – der Antithese des Neuen gegen das Alte Testament – breitgemacht und wurde zur direkten Vorgeschichte des kirchlichen Nationalsozialismus, der das „jüdische“ AT wie Marcion bekämpfte. Dies Modell hat keine gesamtkirchliche Geltung erlangt und wäre auch gleichbedeutend mit Zerstörung der christlichen Identität. Neuen Aufschwung bekommt aber in jüngster Zeit das antithetische Modell dort, wo die theologische Relevanz der Tatsache bekämpft wird, daß das heutige jüdische Volk sich wie nie zuvor mit dem „Israel“ der Hebräischen Bibel identifiziert und daraus seine überraschende nationale Wiedergeburt als Volk unter den Völkern und als Staat unter den Staaten gewinnt. Für das Christentum ist dies eine bisher nicht dagewesene Herausforderung an sein Verständnis des AT, denn als die christliche Bibel entstand, war gerade der letzte jüdische Staat (vor 1948) dem jüdischen Volk verlorengegangen und war das jüdische Volk in einem Gestaltwandel begriffen von einer staatlichen in eine synagogale Organisations- und Lebensform. Daß das Judentum heute wieder, wie in biblischer Zeit, als „Volk Israel“ da ist, bedeutet eine bisher mehrheitlich noch nicht empfundene, wo aber empfundene, noch von ferne nicht bewältigte neue Situation im christlichen Verständnis von Bibel. Die Einheit der Bibel gründet in der Einheit des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs mit dem „Vater“ Jesu Christi und in der Einheit der Bundesgenossenschaft und des Sohnesverhältnisses, in der er mit dem jüdischen Volk und Jesus von Nazareth zugunsten aller Menschen aller Zeiten existiert.

 

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