Kleine theologische Enzyklopädie, die Kirchengeschichte

marquardtKirchengeschichte ist die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung der Geschichte der christlichen Kirchen und Gruppen in ihrer weltgeschichtlichen und geistesgeschichtlichen Abhängigkeit und Wirkung von der Zeit Jesu von Nazareth bis zu unserer Gegenwart. Sie erforscht und stellt dar in gleicher Weise die Geschichte der kirchlichen Institutionen und Lehrbildungen wie die Geschichte hervorragender Einzelner. Zur Kirchengeschichte gehört auch die Geschichte der kirchlichen Häresien und Ketzereien und solcher Erscheinungen, die als Säkularisierungen kirchlicher Anschauungen oder Verhaltensweisen zu verstehen sind.
Eine Teildisziplin der Kirchengeschichte ist die „Dogmengeschichte“: die innere und äußere Geschichte der kirchlichen Lehrbildungen überhaupt und der amtlich gewordenen im besonderen von der Zeit des NT bis zur Reformationszeit. (Die Weiterentwicklungen der theologischen Lehre von der Reformationszeit bis heute werden in einer anderen theologischen Disziplin bearbeitet, die nicht mehr unter dem Dach der Kirchengeschichte, sondern unter dem der Systematischen Theologie geschieht: der sog. Theologiegeschichte – eine nicht sehr einleuchtende Disziplinen- und Fächerverteilung.)
Das Studium der Kirchengeschichte könnte einen Anfänger wegen der Unübersehbarkeit eines Stoffes von zweitausend Jahren entmutigen und zu einer Abwehrhaltung bringen mit dem Argument: hier werde nur ein Bildungsbedürfnis gepflegt ohne praktischen und theoretischen Nutzen. Dazu ist folgendes zu sagen:
1. Wir sind heute praktisch motiviert, unser Christsein im ökumenischen Horizont und mit ökumenischem Bewußtsein zu leben. Die Kirchengeschichte ist ein Kompendium ökumenischen Wissens, und zwar nicht nur im konfessionskundlichen Sinn (d.h. im Sinn eines Kenntnisgewinns über die Herausbildung der verschiedenen christlichen Kirchen, Konfessionen und Denominationen. „Kirchen“: z.B. orthodoxe, römisch-katholische, evangelische; „Konfessionen“: z.B. lutherisch, reformiert, uniert; „Denominationen“: z.B. presbyterianisch, baptistisch, mennonitisch usw. – „Kirchen“ sind geschichtlich, dogmatisch, organisatorisch, kulturell voneinander geschiedene Einheiten. „Konfessionen“ sind nach z.T. historisch überholten, z.T. noch wirksamen systematisch theologischen Differenzen unterschiedene Einheiten prinzipiell zusammengehörender Kirchen. „Denominationen“ sind im wesentlichen die in der Geschichte des westlichen Calvinismus sich entwickelnden, meist theologisch-praktischen – teils kirchenorganisatorischen, teils ethischen, teils partiell theologischen, teils regionalen – Verselbstständigungen.) Das Studium der Kirchengeschichte kann uns über das historische Verständnis des Auseinandergehens und der inneren Motive der Verselbständigungen der Kirchen und Gruppen hinaus vor allem die Formen ursprünglicher Einheit und darum die Chancen künftiger Einheit der Christen erkennen helfen. Außerdem kann man, banal und trotzdem richtig, auch sagen: Kenntnis der Kirchengeschichte ist in der klein gewordenen Welt von heute ein unentbehrlicher Reiseführer, z.B. für die Altstadt von Jerusalem.
2. Es gibt kaum ein Phänomen der Kirchengeschichte, das heute ganz verschwunden, vergangen oder „überholt“ wäre. Die Kirchen und Gruppen der Gegenwart wiederholen und repräsentieren in sich und im Verhältnis zueinander fast die gesamte Kirchengeschichte. Es gibt darum kaum eine so hilfreiche Möglichkeit zu verstehen, was „Kirche“ ist, wie ein anhaltendes Interesse an ihrer Geschichte. Die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte hilft uns, die Kirche der Gegenwart in einer nützlichen und ermutigenden Weise zu relativieren, d.h. in Beziehung zu setzen zu ihrem Gewordensein und so: sie zu „verstehen“, d.h. Maßstäbe zu gewinnen für das, was uns an ihrem heutigen Erscheinungsbild wichtig, was weniger wichtig sein kann. Anders gesagt: Kirchengeschichte hilft uns, uns über den Wesens- und Autoritätsanspruch, der von der Kirche ausgeht, wissend und unterscheidend zu orientieren. Man könnte in diesem Sinne eine Kenntnis der Kirchengeschichte zugleich als ein antiautoritäres Hilfsmittel zu Befreiung von unbegriffenen Ansprüchen und als Mittel zu einer bewußten Selbstbestimmung im eigenen Verhältnis zur Kirche ansehen.
3. Der Gewinn der Kirchengeschichte erstreckt sich aber nicht nur auf eine mögliche ökumenische und kirchliche Orientierung, sondern ebenso auf eine Orientierung im Verhältnis zur theologischen Lehre des Christentums. Kenntnis der Kirchengeschichte ermöglicht uns nämlich, klassische Lehrformen der Kirche (etwa die Dogmen über Christus oder Gott, über Freiheit und Unfreiheit beim Christwerden usw.) bestimmten Situationen der Kirche und ihrer Institutionen zuzuordnen und auf diese Weise Verständnis und Beurteilungsmöglichkeiten zu gewinnen, die ein rein systematisches Verstehen ergänzen, aber auch modifizieren können. Durch „Historisierung“ gewinnt die Frage heutiger Geltung kirchlicher Lehrtraditionen zusätzliche Entscheidungshilfen. Überdies kann die historische Zuordnung einer alten Lehre zu dem geschichtlichen Komplex ihres Entstehens eine lernpsychologisch wichtige Dimension der Veranschaulichung von sonst oft zu abstrakt bleibenden systematischen Lehrformeln einbringen. (M. Luthers Rechtfertigungslehre z.B. – seine These, daß Gott uns seine Gemeinschaft gewährt allein insofern wir ihm trauen, nicht insofern wir tätig seinen Ansprüchen genügen – ist für uns abstrakt-anthropologisch immer schwerer zu fassen; sie gewinnt an Verstehbarkeit, wenn man sie sich an den geschichtlichen Zusammenhängen veranschaulicht, für die Luther sie entwickelt hat, z.B. gegenüber einer spätmittelalterlichen religiösen Leistungs- und Bußpraxis oder gegenüber bestimmten Elementen der Revolutionsideologien seiner Zeit oder gegenüber dem Unterwerfungsanspruch kirchlicher Autorität. Wieder ganz anders erscheint Luthers Lehre, wenn man seine Berufung auf Paulus überprüft anhand der Geschichte, in bezug auf die Paulus seine Rechtfertigungsbotschaft formuliert hat: das Verhältnis von Juden und Nichtjuden zueinander; verschiedener historischer Kontext einer Lehre ergibt verschiedenen Sinn.) Die Erkenntnis verschiedener Sinnmöglichkeiten einer Lehre verweist uns aber an unser eigenes Verstehen, Begreifen und Formulieren der christlichen Lehre. Das aber heißt: historische Kenntnis spielt uns eigene theologische Autorität zu und besitzt auch darin eine uns befreiende Wirkung – und zwar nicht über die Kategorie des geschichtlich Überholten, sondern über die Erkenntnis des geschichtlich Verschiedenen.
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Der Ausdruck Kirchengeschichte setzt ein gewisses Verständnis dessen voraus, was der Ausdruck „Kirche“ und was „Geschichte“ in diesem Zusammenhang meinen.
Die Gegenstände der Kirchengeschichte ergeben sich aus dem Spannungsverhältnis in dem eine christliche Kirche stets existiert: zwischen weltlicher, soziologisch, psychologisch usw. zu beschreibender Institution und den inneren, kategorial nicht bestimmbaren Ereignissen, denen die Institutionen sowohl geschichtlich entstammen als auch grundsätzlich dienen (vgl. J[ean]-L[ouis] Leuba, Institution und Ereignis. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Arten von Gottes Wirken nach dem Neuen Testament, Göttingen 1957, dort vor allem 3. Teil). Kirchengeschichte ist darum zugleich immer Institutionsgeschichte wie auch Geschichte geistlicher Ereignisse, Erfahrungen, Wirkungen. Beide Aspekte sind jedoch nicht voneinander zu trennen. Die kirchlichen Institutionen verdanken sich geistlichen Ereignissen (Taufe und Abendmahl z.B. ihrem Vorkommen im Leben Jesu von Nazareth. Die Gemeinschaftsbildung der Berufung von Mitläufern durch Jesus. Die Ämter des Urchristentums den Geistwirkungen in den frühen Gemeinden). Umgekehrt dienen die Institutionen nicht einfach nur der Bewahrung der Erinnerung an vergangene Ereignisse, sondern der Identifizierbarkeit neuer Ereignisse in der Kirche (z.B. wiederholt die Gemeinde das letzte Mahl Jesu einerseits, „so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis“, andererseits verkündigt sie damit den Tod des Herrn, „bis er kommt“: 1. Kor 11,24-26; die Eucharistie hat einen zugleich rückwärts, in die Vergangenheit Jesu gerichteten und einen vorwärts, in die Zukunft Jesu gerichteten Sinn. Ständige Wiederholung – das Institutionelle und Geregelte der Abendmahlsfeier – dient [dazu,] die Vergangenheit und Zukunft im Jetzt aneinander zu binden und so zu gewährleisten, daß der morgen erwartete Jesus Christus derselbe ist wie der gestern Gekommene und daß also die Gemeinde nicht „auf einen anderen wartet“ als den ihr geschichtlich Bekannten. Oder – anderes Beispiel – der Identität der Verkündigung dient die feste Einrichtung der Verlesung der Briefe des Paulus in den Gottesdiensten seiner Gemeinden. Dies hilft den Gemeinden dazu, bei jeder neuen Predigt eines anderen Predigers aufpassen zu können, daß „kein anderes Evangelium“ verbreitet wird als das, das sie von Paulus und das Paulus von der Offenbarung Christi empfangen haben, vgl. z.B. Ga1 1,6-12). Erste Gestalten solcher Institutionen sind z.B. Taufe, Bekenntnisse, Lieder, Gottesdienste, Abendmahl, Gemeindezucht, gemeinsames Leben, Symbole der zwischengemeindlichen Beziehungen, vielfältige Ämter, Mission usw. –
Die Frage ist, wo wir zum erstenmal in der Geschichte der Kirche auf so etwas wie ein historisches Bewußtsein ihrer selbst stoßen: Denn von vornherein, d.h. im Glauben des Urchristentums, besitzt ein historisches Selbstverständnis der Kirche kaum eine Voraussetzung. Jesus Christus hatte die Nähe des Reiches Gottes verkündigt (Mk 1,15), und dies wurde von Anfang an als gleichbedeutend mit einer „Erfüllung der Zeit“ ausgelegt (vgl. z.B. Gal 4,4); sie wurde als so begrenzt verstanden, daß Paulus mit dem Eintritt des Reiches noch zu Lebzeiten seiner Generation rechnete (z.B. 1. Thes 4,15), und auch noch die zweite und dritte christliche Generation verstand sich im Horizont der Erwartung: „Kindlein, es ist die letzte Stunde“ (1. Joh 2,18); im theologischen Jargon sprechen wir vom „eschatologischen“ Selbstverständnis des frühen Christentums (Eschatologie: Lehre vom Letzten). Ein historisches Interesse scheint ausgeschlossen, wo der Blick nur noch nach vorne auf ein Ende der Geschichte gerichtet wird.
Kann man die zwischen ca. 60 und 100 n. Chr. entstandenen Evangelien als Ausdruck eines frühen kirchengeschichtlichen Interesses verstehen? Dies wird vor allem vom Evangelisten Lukas angenommen. a) Er versieht sein Evangelium mit einer Einleitung, in der er erklärt, Nachrichten von Augenzeugen des Lebens Jesu gesammelt zu haben und sie „der Reihenfolge“ nach, d.h. in bestimmter Geschehensfolge darstellen zu wollen (Lk 1,1-4); b) er als Einziger hat sein Evangelium fortgesetzt in einer Apostelgeschichte, so daß das sog. lukanische Doppelwerk über Nachrichten aus dem Jesusleben hinausreicht bis zur Darstellung der ersten Kirchengeschichte. Dennoch haben wir es bei L[u]k[as] sowenig wie [bei] M[a]t[thäus], M[ar]k[us] und Joh[annes] mit dem Werk eines rückwärts gerichteten historischen Interesses im modernen Sinne des Wortes zu tun. Auch das Lukasevangelium dient der Wortverkündigung und Glaubensweckung, nicht der historischen Dokumentation, enthält Verkündigungsmaterial, nicht historisches Quellenmaterial. Allerdings zielt die Theologie des Lukas u.a. darauf ab, daß die Kirche, für die er schreibt, sich als zugehörig zur politischen Welt begreifen lernt und „eschatologische“ Weltenferne überwindet. Insofern zeigt L[u]k[as] eine womöglich frühe Stufe eines Kampfes um ein historisches Selbstverständnis der Kirche, das ihr zuvor nicht eigen war und von ihr erst gelernt werden mußte. So steht auch der zweite Teil des Ausdrucks Kirchengeschichte (…„geschichte“) unter eigenen Voraussetzungen und bedarf einer eigenen Besinnung.
Dazu ist noch ein weiteres, sehr grundsätzliches Besinnungsmoment wichtig. Das, was wir in einem ja erst neuzeitlichen Sinn unter „Geschichte“ verstehen (im Sinne von Historiographie), ist dem biblischen Glauben von seinem hebräischen Anfang her der „Ort“ oder „Raum“ der Ereignung (des „Handelns“, der „Offenbarung“) Gottes: a) Ort der Verkündigung seines Wortes, b) Ort der Begegnung von Israel und den Völkern, resp. Juden und Christen, c) Wirkungsfeld der Vorsehung Gottes und seiner Weltregierung. Die Bibel beider Testamente verlegt das, was man „Heilsgeschehen“ nennt, nicht in himmlische Sphären, sondern auf die Erde, nicht in den „Geist“ der Völker oder in die Seele der einzelnen, sondern in die Weltgeschichte, auch nicht in die Natur, sondern in die Geschichte (dies sind drei Näherbestimmungen zur Bezeichnung der Geschichte als „Ort“ der Ereignung Gottes). D.h. Geschichte ist im biblischen Denken immer schon theologisch qualifiziert, und zwar gerade die Welt- oder Profangeschichte (Heilsgeschichte ereignet sich in keinem anderen Raum und in keiner anderen Zeit als inmitten der „Profan“geschichte; damit hat die Bibel den alten religionsbildenden Gegensatz von „heilig“ und „profan“ von vornherein aufgehoben; vgl. M[ircea] Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, [Hamburg 1957, Rowohlts deutsche Enzyklopädie] 31). Allerdings wird „die Geschichte“ in biblischer Perspektive als begrenzter Zeitraum aufgefaßt, und es wird mit ihrem Ende gerechnet. Und ferner wird die Geschichte unter zwei Grund- und Wertkategorien erfahren, nämlich als „alt“ und „neu“, aber so, daß alt und neu nicht als verschiedene, einander ablösende Perioden, sondern als verschiedene Qualitäten der einen Geschichtserfahrung angesehen werden.
Die Wahl der Geschichte als Ort der Ereignung Gottes schließt folgendes ein: a) Da Geschichte nun einmal Raum der Vergänglichkeit, des Werdens und Vergehens, ist, wird das Handeln Gottes prinzipiell geknüpft. an den Bereich der Erfahrung der Relativität und des Wechsels des Daseins und nicht an Erfahrungsbereiche der Dauer und des unvergänglichen und unveränderlichen Seins. Hier unterscheidet sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (Namen sterblicher Menschen kennzeichnen diesen Gott!) vom „Gott der Philosophen“ (diese legen Gott am „Sein“ und nicht an der Geschichte aus, weil „Sein“ für sie der Begriff des Beständigen und Dauernden ist). – b) Ist Geschichte Raum der Ereignung Gottes, schließt dies die Erfahrung Gottes in einer schlechthin widerspruchsvollen Wirklichkeit ein, denn in der Geschichte gibt es nichts Widerspruchsloses (wie vielleicht in der Welt des Geistes). Handelt Gott in der Geschichte, handelt er in der Welt eines notorischen Widerspruchs auch gegen Gott; von Jesus Christus heißt es gerade bei dem geschichtsbewußten L[u]k[asevangelium], daß er von Gott „gesetzt“ ist zu einem „Zeichen, dem widersprochen wird" (Lk 2,34). Die Widersprüchlichkeit des Gottesgedankens, die wir oft als logisches Problem empfinden, rührt in Wahrheit her von der Wahl der Geschichte zum Ort seines Handelns. Ebenso gilt: Wenn die Kirche lernen muß, in der Geschichte zu leben (und darin Gott selbst zu folgen), dann heißt das auch: Kirchengeschichte ist notwendig immer auch die Geschichte wesentlicher, weil wesenhafter innerer und äußerer Widersprüche (innere Widersprüche: z.B. Häresien, Ketzereien; äußere Widersprüche: z.B. Martyrien, Säkularisationen usw.). – c) Geschichte ist immer Geschichte von geistigen, politischen, gesellschaftlichen Mächten. Handelt Gott in ihr, gerät er in Machtgegensätze; und hat die Kirche eine Geschichte, ist auch die Kirchengeschichte unvermeidlich gezeichnet von Machtkämpfen. Als ein heimliches Thema der Kirchengeschichte könnte man so das Thema „Kirche und Macht“ bezeichnen. – d) Karl Marx hat alle bisherige Geschichte eine „Geschichte von Klassenkämpfen“ genannt. Hat die Kirche eine Geschichte, ist sie auch darin verflochten, und dann ist die Geschichte der Klassenkämpfe auch ein wesentlicher Aspekt der Kirchengeschichte – allerdings ein bisher zu wenig bearbeiteter.
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Es gibt einige klassische Werke, einer Kirchengeschichtsschreibung, von denen man wenigstens von ferne einmal gehört haben sollte: a) zehn Bücher einer Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea, der die Kirchengeschichte erzählt bis in die Zeit der „Konstantinischen Wende“ (von blutiger Christenverfolgung bis zu[r] Erhebung des Christentums zur „Staatsreligion“), also etwa bis 324. Eusebius gilt als Vater der K[irchen]g[eschichts]schreibung und stellt die Kirchengeschichte in Analogie zur spätrömischen Kaisergeschichte dar. „Held“ dieser Geschichte ist Jesus Christus, darum beginnt Eusebius seine Darstellung in der inneren Geschichte, die zwischen „Vater“ und „Sohn“ in der ewigen Trinität spielt. Die Kaiser stellt er als „Nachfolger der Apostel“ dar, das Christenvolk als ein Volk neben anderen Völkern. Ein „reines“ Christentum hat es nach Eusebs Darstellung nur bis zum 2. Jh. gegeben, von da an verunreinigen Irrlehren das ursprüngliche Christentum immer mehr. So entwickelt schon Eusebius ein sehr wirkungskräftiges Modell einer K[irchen]g[eschichts]schreibung: Die Geschichte der Kirche ist die Geschichte eines sich steigernden Abfalls der Kirche von ihrem reinen Ursprung. – b) Cassiodor (ca. 480-570). Seine Darstellung wirkt bis ins Mittelalter, ja bis in den Protestantismus des 17. Jh. hinein. Er stellt den Gang der Kirchengeschichte als Durchführung eines göttlichen Geschichtsplans dar, den er analog zu den Visionen des biblischen Danielbuches von vier Weltmonarchien entwickelt (vgl. Daniel 2). Dabei kommt er zu der Theorie von einer translatio imperii, die Macht wird von einem Reich auf das andere übertragen, zuletzt vom Römischen Weltreich auf die christliche Kirche (Grundmodell der Ideologie des christlichen Abendlandes vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation). Gleichzeitig kann er die Kirchengeschichte auch in Analogie zum Schema der sechs Schöpfungstage darstellen und kommt so zu einem Entwicklungsgedanken, der seinen klassischen, nicht mehr auf die Kirchengeschichte beschränkten Ausdruck in G[otthold] E[phraim] Lessings Schrift über die „Erziehung des Menschengeschlechts“ gefunden hat. – c) Eine klassische protestantische K[irchen]g[eschichts]schreibung sind die sog. Magdeburger Centurien des Matth[ias] Flacius Illyricus (1559-1574 verfaßte „Centurien“: etwas schematisch nach den einzelnen Jahrhunderten dargestellt). Das Werk ist aus neuen intensiven Quellenstudien entstanden, folgt aber dem Modell der Verfallsgeschichte des Christentums, jetzt dargestellt mit starkem antirömischen Affekt; im Grund schreibt er die Geschichte eines Antichristentums vom Anfang bis zur höchsten kirchlichen Machtentfaltung und dann bis zur Herstellung der wahren Kirche in ihrer Reinheit durch Luther. – d) Der Pietist Gottfr[ied] Arnold hat 1699/1700 ein berühmtes Werk „Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“ veröffentlicht: „Unparteiisch“, sofern er seine Darstellung nur aus Schriften der jeweiligen Zeitgenossen (und nicht z.B. aus Schriften ihrer Gegner oder ihrer Wirkungsgeschichte und späteren Beurteilung) entwickelt; „unparteiisch“ auch, sofern er nicht nur von Kirchenleuten, sondern gezielt auch von Ketzern aus ihren eigenen Quellen berichtet und sie gleichberechtigt nebeneinander stellt; höchst parteiisch allerdings mit einem Vorurteil zugunsten der Ketzer und zu ungunsten der Kirche, das er sich aus der Erfahrung der Verfolgung der Pietisten durch die Orthodoxen (mit Hilfe der Polizei!) in seiner eigenen Lebenszeit gewonnen hat.
Diese Beispiele einer K[irchen]g[eschichts]schreibung dienen uns nur dazu, uns die Probleme der Darstellung von Geschichte auch im Falle der Kirchengeschichte bewußt zu machen; Werturteile und Vorurteile sind in jeder solchen Darstellung unvermeidlich, ebenso wie Versuche, theologische Perspektiven einer Darstellung zu finden; unter diesem Gesichtspunkt jede K[irchen]g[eschichts]darstellung auch ein Thema Systematischer Theologie.
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Für gewöhnlich unterteilt man fünf Epochen der Kirchengeschichte. I. Alte Kirche (oder Die Kirche in der Sklavenhaltergesellschaft) Ausgewählte Einzelthemen: Mission und Ausbreitung des Christentums. Christenverfolgungen. Entstehung des Mönchtums. Konstantinische Wende. Dogmenbildung. Kirche in der Völkerwanderung. Aurelius Augustinus.
II. Mittelalterliche Kirchengeschichte (oder Die Kirche in der feudalistischen Gesellschaft) Scholastik und Kulturwirkung. Kreuzzüge. Papsttum und Kaisertum. Reform- und Protestbewegungen.
III. Kirchengeschichte der Reformationszeit (oder Die Kirche im Frühkapitalismus) Luther. Zwingli. Calvin. Geschichte der Ausbreitung der Reformation. Bauernkrieg und Schmalkaldischer Krieg. Ausbildung von Landeskirchentümern. Gegenreformation (Konzil von Trient).
IV. Kirchengeschichte der „Neuzeit“ (oder Die Kirche in der Zeit von Manufaktur und Industrie) Dreißigjähriger Krieg und die Folgen. Protestantische Orthodoxie und Pietismus. Kirche und Aufklärung und Revolutionen. Missionsgeschichte im Zeitalter des Kolonialismus. Kirche und Judenemanzipation. „Union“ von Lutheranern und Reformierten. Kirche und „soziale Frage“. Protestantismus/Preußen/Deutsches Reich.
V. Kirchengeschichte des 20. Jahrh. (oder Kirche im Zeitalter des Spätkapitalismus, Sozialismus und der Weltkriege) Ökumene. Kirche und Krieg. Dialektische Theologie und Kirche. Kirchenkampf während des Nationalsozialismus. Kirche im gespaltenen Europa: Kirche und Kommunismus. Nordamerikanische, afrikanische, südamerikanische, asiatische Kirchengeschichte. .

 

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