Predigt über Offenbarung 15,2–4*


Friedrich-Wilhelm Marquardt


marquardtOffenbarung 15,2-4

2 Und ich sah,
und es war wie ein gläsernes Meer,
mit Feuerschein untermischt;
und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild
und über die Zahl seines Namens,
die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen
3 und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes,
und das Lied des Lammes:
Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
4 Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir,
denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.


Der alte Seher von Patmos, Johannes: Nun sieht er wieder. Und läßt uns mitsehen, was er sieht. Er sieht »so etwas« wie ein »gläsernes Meer«, »mit Feuerschein untermischt«. Sonst können sich ja Dinge, die nicht zusammenpassen, beißen wie Feuer und Wasser. Aber hier sieht er, wie sie sich mischen, gegen alle Naturerfahrung, uns rätselhaft. Was könnte denn das schon sein, so etwas wie ein »gläsernes Meer«? Und dies dann noch mit Feuerschein »untermischt«? Vielleicht ein Spiegelbild? Aber wovon?
Wenn der ein bißchen erfahrene Bibelleser das Wort »Meer« hört, kann er gar nicht anders: Ihm oder ihr fällt das Schilfmeer ein, am oberen Nil, dessen Wellen und Fluten einst gebannt wurden, so daß das Volk Israel dem Sklavenhause Ägypten entkommen konnte in die Freiheit. Und wenn wir das Wort »Feuer« hören, dann steigt vor unserem inneren Auge unwillkürlich die Feuersäule auf, durch die Gott seinem jüdischen Volk voranleuchtete auf seinen dunklen und schmerzlichen Wüstenwegen in die ersehnte Freiheit des Israel-Landes. Genau das ist wohl auch im Seher Johannes aufgeblitzt. Denn vom Meer her, das er sah, und vom Feuerschein her, den er sah, hörte er nun auch das seit alters bekannte Befreiungslied des Mose singen: »Singt dem Herrn, denn hoch erhob er sich, Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt«; soweit wir erkennen können, sind das die allerältesten Worte der Bibel, zur Zeit des Geschehens – etwa 1200 vor Christus – zuerst gesungen von Mirjam, die den Takt dazu mit der Handpauke schlug. Ihr Bruder Mose ist dann später mit eigenen Worten in dieses Sieges- und Befreiungslied eingefallen; beides haben wir im 2. Buch Mose, Kap. 15, zusammen. – 1250 Jahre später hörte dann der Seher von Patmos das Lied mit der Stimme und mit den Worten des Mose. Das kann uns gewiß machen, daß er im »gläsernen Meer« das Schilfmeer sah und im »Feuerschein« die Fackel auf Israels Weg in die Freiheit. Nur: Jetzt ist das unüberwindlich drohende, menschenverschlingende Meer von damals kristallklar, durchsichtig-gläsern geworden, nach über tausend Jahren hat die Panik von einst ihre Schrecken verloren, und schon im gläsern gewordenen Meer kann man den Vor-Schein der Freiheit leuchten sehen. So wie uns jetzt – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Januar 1945 die Schrecken der Flucht über das ostpreußische Frische Haff und das Entsetzen des Untergangs des Rettungsschiffs der »Wilhelm Gustloff« in der eiskalten Ostsee noch einmal in die Glieder fahren, wenn uns jetzt Günter Graß und andere noch einmal diese grauenvolle Geschichte vom Meer erzählen, das Fernsehen Dokumente von damals zeigt. Aber noch ist es zu kurze Zeit her, als daß wir uns dieser Geschichte schon als eines Sieges der Befreiung freuen könnten; auch die wenigen, die damals gerettet wurden und mit ihrem Leben davonkamen, können es noch nicht. Die Angstträume der Erinnerung beklemmen uns noch und formen noch kein Lied. Denn zu tief haben wir ja noch das »Bild« Hitlers in uns, der das alles verursacht hat, und seinen »Namen«, an den wir unseren deutschen Namen verschenkt hatten; und auch seine »Zahlen« stehen noch in unserem Gedächtnis: die 6 Millionen an der Spitze, und noch Millionen andere dazu. »Bild«, »Zahl« und »Name«. Auch uns sind die schon zu hartem Kristall geworden, unzerbrechliche Kristallnacht unseres Gedächtnisses.
Da geht es uns mit unserer Geschichte, wie es damals wohl auch dem Seher von Patmos gegangen ist. Auch er hatte einen Unterdrücker seiner Generation: Gajus Caligula, was auf deutsch »Soldatenstiefel« heißt, also »Knobelbecher« – ein Terrorist auf dem Kaiserthron in Rom. Seine Losung: »Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten« – Oderint dum metuant.
Um nicht entdeckt zu werden, sprachen die unterdrückten Leute im Untergrund seinen Namen nicht aus, sie nannten nur die Zahlen 6–6–6, nach altem hebräischen Geheimcode – der Name des Tyrannen, statt in Buchstaben in Zahlen ausgedrückt, Jede Generation hat ihren Verbrecher an der Spitze: unsere den Hitler und den Stalin, Johannes von Patmos zu seiner Zeit den »Soldatenstiefel« Caligula. Und viel früher Mirjam und ihr Bruder Mose den Pharao über dem Sklavenhaus Ägypten. Weltgeschichte wiederholt sich doch – unter immer anderen »Namen«, anderen »Zahlen«, anderen »Bildern« und Bestialitäten, Unmenschlichkeiten. Immer wieder das alte Lied! Aber nun das Geschenk Israels und der Bibel an die Menschheit: Ganz leise, unter all den Miß- und Schreckenstönen alter Lieder, wie z.B. Beethoven sie am Anfang des letzten Satzes seiner 9. Sinfonie nachgeahmt hat, ein Haltruf: »O Freunde, nicht diese Töne!, sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere«. Und leise, und ja wirklich nur zaghaft, klingen Anfänge eines neuen Liedes an.
Dazu braucht’s Vorsänger. Aus uns kommt doch, wenn wir singen, am Ende auch nur ein altes Lied heraus. Aber damals, am Schilfmeer, hat es eine Mirjam gegeben, und ein Mose ist in ihr Lied eingefallen, in einigem Abstand ihr folgend wie in einer Fuge der »comes«, Begleiter, dem »dux«, dem Singführer. Beim Schubert können wir es nachher auch so hören, beim »Osanna in excelsis« und dann wieder im Benedictus-Satz – Mirjam und Moses von heute.
Aber nun bilden die Vorsänger, die Solisten, noch nicht das Ganze, wenn nicht ein Chor einfällt. Johannes auf Patmos hat das ganze jüdische Volk das Lied des Mose singen hören, und nicht nur singen, sondern mit Instrumenten begleitet, »mit Harfen schön«. Ein Volkschor, und er nennt sie, die hier singen, die »Sieger«. Zum Glück nicht Sieger mit Pauken und Trompeten. Es ist an Schuberts G-Dur-Messe so schön, daß auch er hier ohne Pauken und Trompeten und Hörner musizieren läßt. Diese Messe hat etwas Leises und Zartes, und Schubert wußte vielleicht, daß mit dem Gott der Juden und Christen kein »Allmächtiger« beschworen werden kann, sondern nur ein stiller Freund. Wer dem anhängt, kann keinen Siegertypen mimen, ist nur ein mit Mühe vor immer neuem Abrutschen geretteter Mensch. Kirchenmusik mit allzu lautem Donnergetöse und Allmächtigkeitspose paßt nicht, mag vielleicht auf Jupiter getönt sein, aber nicht auf den Gott des neuen Liedes: dieses Gottes; mag man ihm in der Philharmonie frönen oder am Gendarmenmarkt, aber nicht in der Kirche. Gewiß – in der Patmos-Nacht sah Johannes die singenden Sieger erhoben über »das Tier«, den Unmenschen, über sein »Bild«: der überall und zu allen Zeiten verbreiteten Staats-Propaganda, in der Antike in den Tausenden von Herrscher-Statuen über das ganze Imperium verbreitet, heute bei uns im Übermaß der Fernseh-Ver-Bildungen, die uns dumm und zahm machen. Und über den »Zahlen seines Namens« sah Johannes sie auch singen: über der Herrschaft des Geldes und der Börsen, der Insolvenzen, der Erfolgs- und Mißerfolgsstatistiken, der Bankskandale, der Arbeitslosenberechnungen und Wachstumsprognosen, dem allgemeinen Wahn von pessimistischen oder optimistischen Zukunftsdeutungen – keine Nachrichtensendung, in der nicht mehr von dem geredet würde, was uns erst morgen ins Haus stehen wird, als von dem, was heute ist. Johannes sieht das singende und musizierende Volk auch darüber stehen. Und meint damit nicht: Flucht in die Musik, Flucht ins Lied, Flucht in die Kunst. Sondern er meint damit einen Aufschwung in eine andere, realere Realität als die des Tieres und seiner öffentlichen Bild-Propaganda und der fantastischen Zahlenspiele seines Namens; wir können sagen: dieses Systems und seiner Logik. Er hat in dieser Nacht eine ganz andere Globalisierung vor Augen: eine andere Weltordnung als die von »Tier« und Unmenschlichkeit, von »Bild« und »Zahl«.
In jener Patmos-Nacht hat der Seher nämlich aus dem großen Singen der Mirjam und des Mose und des Volkes der geretteten Sieger eine weitere, allerleiseste Stimme herausgehört, unter dem Lied des Mose auch noch »das Lied des Lammes«. Zwei Lieder bei- und ineinander, als wär’s, musikalisch gesehen, eine Doppelfuge. Das »Lied des Lammes«, das ist natürlich Jesu Lied, und wir erleben hier, wie Mose und Jesus ein und dasselbe Befreiungslied zusammen singen, also Altes und Neues Testament und Juden und Christen in einer Tonart zusammenklingen. Unser Kirchenlehrer Martin Luther hat das nicht wahrhaben wollen; er riet uns Evangelischen: Laßt uns unverworren mit Mose, der geht nur die Juden etwas an, nicht uns Christen. Nicht unsere Väter sind aus Ägypten ausgezogen. Da hat er aber die Musik unseres heutigen Predigttextes nicht gehört und konnte es auch nicht, weil er das letzte Buch der Bibel nicht leiden konnte und am liebsten aus der Bibel entfernt hätte; es klang ihm zu fantastisch und zu sehr »der Zukunft zugewandt«. Zum Glück hatte er keine Macht über die Heilige Schrift, und darum können wir um so ergriffener hören, was er nicht hören wollte: das Lied des Mose und das Lied Jesu – auf den gleichen Befreiungstext vom Schilfmeer. Der Name »Jesus« wird hier nicht ausgesprochen. Er muß in der Welt des Soldatenstiefels ein Geheimtip bleiben. Aber man gab auch ihm, wie dem Tyrannen, einen Tiernamen – Agnus Dei, Lamm Gottes – und setzte ihn damit ganz bewußt gegen das große »Tier« der Unmenschlichkeit und der »Bilder« und der »Zahlen« in Rom. Lamm gegen Bestie. Und bei »Lamm« dachten sie natürlich sofort ebenfalls an die Ägyptengeschichte Israels, an das Passa-Lamm, dessen Blut die Juden an die Pfosten ihrer Flüchtlingslager in Ägypten strichen; da schreckte der Todesengel vor ihnen zurück. Wenn Jesus »Lamm Gottes« heißt, dann bezeichnet dieser Name Jesus den Schutzjuden, der den Todesengel auch von unseren Wohnungen und Seelen verscheucht. Und so nun klingen das Lied des Mose und das Lied Jesu zusammen: Mose befreit das jüdische Volk aus ägyptischer Unterdrückung, Jesus befreit die Menschheit von den Todesschatten dunkler Engel und Wesen. Jesus hört in der Nacht von Patmos auf das frühere Lied des Mose und singt so sein, unser aller neues Lied.
Neu nämlich: für uns. Denn nun sind auch wir am Schilfmeer dabei, bei Mirjam und Mose. Und im Ägäischen Meer, auf der Insel Patmos, dort, wo Johannes das große Duett Mose-Jesus singen hört.
Was aber besingen sie? Zuerst die »Werke«, dann die »Wege« Gottes; in alledem aber ihn selbst, den Gott Israels, den melekh ha-‘olam, der sich jetzt auch als ein »König der Völker« durchsetzt, weil nun alle Völker zu ihm hin aufbrechen, nach Jerusalem, um dort ihn zu feiern: den Israel-Gott als Menschheits-Gott, den Mose-Gott nun auch als Jesus-Gott.
Bekommt da nun die Rechte des Herrn einen Endsieg, und gehören da nun nicht doch auch Pauken und Trompeten hin? Wir müßten nicht in unseren Tagen leben, wenn wir nun zum Schluß nicht noch die Frage stellten: Gibt es in der Weltgeschichte »Sieger«, Endsieger wohl gar, die über alle Fürstentümer und Gewalten Stand behielten? Wir wissen es nicht. Gerade jetzt erleben wir wieder: Glück und Glas, wie leicht bricht das! Glück der Parteien, Regierungen, Staaten, eines Lebensstils. In Sachsen-Anhalt, in Frankreich, überall erleben wir das ewige Auf und Ab der Kräfte, der »Namen«, der »Zahlen«, der »Bilder«, im Großen wie im Kleinen, im Wahn von mörderischen Selbstmördern in Tel Aviv oder in Erfurt, die meinen, ihnen Widriges endgültig besiegen zu können. Das Lied des Lammes hat dagegen nur eine schwache Stimme und verklingt, wie nachher Schuberts Agnus Dei, im allerleisesten. Aber es verliert seinen Text nicht: Dona nobis pacem Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, wenigstens zu unseren Zeiten . Wird Israel, wird Mose »Sieger« in der Weltgeschichte werden? Wir wissen es nicht. Wir können nur wissen, daß gerade sie, die Menschen in Israel, wenn sie »siegen« , doch nur die Geretteten und Überlebenden sind, daß sie und wir alle einen Sieg auch verspielen können, und daß darum Mirjams und Moses Lied heute nur dann »freudevoller« klingt, wenn wir dazu und mit ihnen zusammen unser »Agnus Dei« singen: Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, gib ihnen und uns deinen Frieden. Amen.

Marquardts letzte Predigt in der Jesus Christus Kirche in Berlin-Dahlem am Sonntag Kantate, dem 28. April 2002

Diese Sammelbände mit Predigten Friedrich-Wilhelm Marquardts sind vorhanden:
1. Joachim Hoppe, Hg., Friedrich-Wilhelm Marquardt, Aber Zion nenne ich Mutter ... Evangelische Israel-Predigten mit jüdischen Antworten, München 1989 (KT 64)
2. Michael Weinrich, Hg., Friedrich-Wilhelm Marquardt, Lasset uns mit Jesus ziehen. Dahlemer Predigten und Texte über die Wege Jesu 1956-2001, Neuendettelsau 2004
3. Fiedler/Oberbeckmann/Schönberg, Hg., Predigt heute, Bd. 14, Friedrich-Wilhelm Marquardt, Aus Liebe zur Schrift. Predigten, Waltrop 2007

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